Homo heidelbergensis von Mauer e.V. Druckversion |  >
Startseite
Homo heidelbergensis
Der Verein
Vereinsjugend
Rückblick
Termine/Infos
Links
Kontakt, Impressum & Datenschutz

› zurück zur Übersicht

HighTech der Steinzeit

7. Dezember 2005

HighTech der Steinzeit

7. Dezember 2005

Ötzi war für Alpen-Aufstieg bestens ausgestattet

Vortrag von Anne Reichert, Ettlingen

Anne Reichert präsentiert ihre Rekonstruktionen.Als Bergwanderer 1991 in den Ötztaler Alpen auf einer Höhe von 3000 m eine aus dem Eis ragende menschliche Leiche fanden, ahnte niemand, vor welch sensationellem Fund man stand und wie der 5000 Jahre alte Mann aus dem Eis, bald Ötzi genannt, immer wieder für dicke Schlagzeilen gut sein sollte, sei es, wenn es um die Umstände seines Todes selbst ging oder dem Ötzi-Fluch.

Seriös und ganz anders nähert sich Anne Reichert (Ettlingen), die sich der experimentellen Archäologie verschrieben hat, dem berühmten Gletschermann. Was sie dabei wissenschaftlich fundiert zu Tage fördert, kommt vielmehr einer Sensation gleich, denn wer hätte gedacht, dass die Menschen der Jungsteinzeit so gut ausgestattet waren und sogar über ein naturheilkundliches Wissen verfügten. "Hightech der Steinzeit" hatte sie ihren Dia-Vortrag genannt, der Ötzis Ausrüstung auch durch selbst gefertigte und mitgebrachte Requisiten anschaulich machte.

Aussehen

Einst bedeckte eine rund 30 m hohe Eisschicht, die erst in unseren Tag abschmolz, die älteste auf natürliche Weise konservierte Mumie. Obwohl bei der Bergung der Leiche Unwissen und Grobheit am Walten waren - mit Skistöcken, Eispickel und Bohrer wurde der Fund aus dem Eis gelöst und in Müllsäcken zu Tale befördert, lassen die Kleidungsreste und Ausrüstungsteile beste Rückschlüsse auf Ötzis Ausstattung zu.

Anne Reichert beschrieb den Gletschermann, den zunächst keiner haben wollte und dessen Wert in Innsbruck in der Gerichtsmedizin durch den Archäologen Konrad Winkler entdeckt wurde, als durchaus hübschen etwa 46 Jahre alten Mann, dessen Physiognomie dank Schädeltomographie sich von heutigen Zeitgenossen keineswegs unterschied. Etwa 1,60 m groß war er und noch im Besitz seiner Haartracht, die schwarz-braun war, leicht gewellt und 9 cm lang. Zwischen seinen Vorderzähnen hatte er eine Lücke, die erblich ist und in der Zahnmedizin als Trema(engl.: true diastema) bezeichnet wird. Seine Zähne waren stark abgekaut.

Nicht gesund

Mit der Gesundheit von Ötzi stand es nicht zum Besten. Dies verriet der Zustand seiner Knochen. Außerdem litt er an einem Peitschenwurm, ein unangenehmer Parasit, der Durchfall und starke Bauchschmerzen hervorruft. Gegen den Durchfall aß er Holzkohle in Mengen - ein Wirkstoff, den man sich bei solchen Problemen heutzutage in der Apotheke besorgt.

Seine letzte Mahlzeit, die er wenige Stunden vor seinem Tod einnahm, bestand aus Fleisch, aus Gemüse und Getreide in Brotform. Er hatte einen Rippenbruch, einen Nasenbeinbruch - beide waren gut verheilt und Abnutzungserscheinungen an Gelenken und Knochen. Seine Haut wies eine seltsame Tätowierung auf, und es wird noch gerätselt, ob sie nur zum Schmuck diente, ob es sich um Schamanenzeichnungen oder um eine frühe Form der Akupunktur bzw. der Moxa-Therapie handelte.

Auch auf die Mordtheorie ging Anne Reichert ein. Im Schulterbereich steckte eine Pfeilspitze. Zu welchem Zeitpunkt sie Ötzi verletzte, lässt sich nicht sagen, wohl aber, dass sie nicht tödlich war. Als eigentliche Todesursache wird der Tod durch Erfrieren angenommen. Aufgrund der Pollenanalyse ist nachzuweisen, dass er zwischen Ende Mai und Ende Juni in die Berge aufstieg - schon damals trieben die Menschen ihre Herden im Sommer auf die Almen. Ein plötzlicher Wetterumschwung wie er in der Region nicht unüblich ist, könnte ihn überrascht haben.

Ausrüstung

Rekonstruktionen der Ötzi-Ausrüstung von Anne Reichert.Der Gletschermann war für seinen Aufstieg bestens ausgerüstet. Rucksack (Rückentrage) aus Haselgeflecht, Beil und Bogenstab führte er mit sich. Er trug Schuhe aus Leder mit Bärenfellsohle, die ein inneres Geflecht aus Grasschnüren aufwiesen, eine Isolationsschicht aus Gras und als Außenschicht ein Hirschfell. "Hightech der Steinzeit", nannte Anne Reichert die dreilagig aufgebauten Schuhe: "Wir haben heut nichts anderes, nur anderes Material."

Seine Bekleidung bestand aus tailliertem Lendenschurz, Lederleggings, einem Obergewand aus Ziegenfell und Bärenmütze. Die Kleidung war bestens verarbeitet mit sorgfältig gefertigten Nähten. Aber auch die anderen Gegenstände belegten seine gute Ausrüstung: Sein Ledertäschchen war gefüllt mit Feuersteinklinge, Schaber, Bohrer, Knochenahle, Zunderpilz zum Feuermachen und Birkenporling als blutstillendes Mittel. Birkengefäße führte er als Vorratsbehälter mit sich und die Glut seiner letzten Feuerstelle beförderte er wohl in Ahornblättern. Als Wetterschutz diente ihm eine Art Mattenhäuschen, das aus Grasgeflecht gefertigt war und seine ganze Gestalt samt Rückentrage verbarg.

Die Diskussion kreiste um die Gegenstände Ötzis und ihre Herstellung. Wozu die Ahornblätter noch gedient haben könnten? Auch diese Frage fand Beantwortung, denn noch heute werden die Blätter im Tessin als Klopapier benutzt.

Anna Haasemann-Dunka, RNZ

 

 


  Unsere Facebook Seite › Nach oben