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Die kulturhistorische Bedeutung der Eiszeitkunst

26. Januar 2005

Die kulturhistorische Bedeutung der Eiszeitkunst

26. Januar 2005

Vortrag von Prof. Hansjürgen Müller-Beck

Prof. Müller-BeckAus seinem reichen Wissensschatz über die Eiszeitkunst sprach Prof. Hansjürgen Müller-Beck in seinem Vortrag, zu dem der Vorsitzende des Vereins Homo heidelbergensis, Erich Mick, im vollbesetzten Saal des Heid'schen Hauses begrüßte. Der seit 1995 emeritierte Professor der Uni Tübingen habe sich intensiv mit der Thematik in den Jahren 1969 bis 1995 als Professor für Urgeschichte und jägerische Archäologie in der Geowissenschaftlichen Fakultät sowie als Direktor des Instituts für Urgeschichte des urgeschichtlichen Museums Blaubeuren über 26 Jahre beschäftigt. Veröffentlichungen und Bücher zeugen von den Ergebnissen seiner wissenschaftlichen Arbeit.

Viele Dias hatte Prof. Müller-Beck über die Eiszeitkunst mitgebracht, mit denen er eines verdeutlichen wollte: Die Tierdarstellungen belegten die immense Wichtigkeit der Tiere für das Überleben der Eiszeitmenschen und spiegelten dessen geistige Welt wider. Zum Ausdruck kam bei den künstlerischen Schöpfungen auch die Bewunderung für Kraft und Stärke ihrer Jagdkonkurrenten wie Höhlenbär oder Höhlenlöwe.

Die Interpretation der Figuren reiche bis hin zu schamanistischen Praktiken und Denkweisen. Dabei schlug der Wissenschaftler auch immer wieder einen Bogen zu Riten und Gebräuchen heutiger Naturvölker wie den Inuits, den Aborigines oder den Jakuten.

Die auf der Schwäbischen Alb in der Gegend von Blaubeuren und Ulm gefundenen Elfenbeinfiguren zählen zu den ältesten Kunstwerken der Menschheit. Sie entstanden mitten in der letzten Eiszeit, der Würm-Eiszeit, kurz vor Beginn des kältesten Abschnitts und werden in den Zeitraum zwischen 35 000 Jahren und 30 000 Jahren datiert. Die frühen Künstler, die als Jäger und Sammler lebten, werden dem Homo sapiens zugeordnet. Die damaligen Menschen machten sich ganz offensichtlich bereits Gedanken über Morphologie und Physiologie der Tiere, in denen sie beseelte Wesen erkannten. Prof. Müller-Beck beschrieb ihr animistisches Denken über die Fauna in folgendem Satz: "Das sind Leute, die haben auch ihre Seele."

Der Wissenschaftler zeigte Dias dieser frühen meist nur handtellergroßen Funde im Raum von Alb und Donau: die Halbplastik eines Löwen (Fundort Vogelherd) aus Mammutelfenbein mit massivem Körper, starken Schultern, geducktem Kopf und angelegten Ohren, die Lauerstellung verraten. Übersät war die Figur mit Punktreihen und Zeichen, über deren Bedeutung noch gerätselt wird. Die größte und spektakulärste Elfenbeinfigur, der Löwenmensch, wurde in der Höhle in Hohenstein-Stadel im Lonetal entdeckt. Die etwa 30 cm große Figur, in der sich menschliche Haltung und tierische Kraft vereinen, stelle ein höheres Wesen dar. Der Fund einer sorgfältig aus Mammutelfenbein geschnitzten Flöte in der Geißenklösterle Höhle bei Blaubeuren in 2004, die deutlich älter sei als 30 000 Jahre, weise auf die Breite des Kultus in Richtung Animismus hin, denn Musik und ritueller Tanz gehörten zusammen. Dafür stehe auch die etwa 5 cm große 1931 von Gustav Riek in Geißenklösterle gefundene menschliche Darstellung, die als Adorant bezeichnet wird und deren Rückseite mit geometrisch geordneten Einstichen einem Mondkalender entsprechen könnte.

Prof. Müller-BeckAuch die Stellung der Frau in der Eiszeitkultur, die als Trägerin der Tradition in einer von den Männern geistig getrennten Welt lebte, sprach der Professor an und verwies auf eine Reihe von steinzeitlicher Frauenfiguren mit betonter Körperlichkeit wie der Venus von Galgenberg, der Venus von Willendorf, der Venus von Lespugue, Venus von Laussel oder Venus von Vestonice.

Den Abschluss seines Vortrags bildete eine Diareihe über eiszeitliche Höhlenmalerei in Frankreich: Die gepunkteten Pferde in der Höhle von Pech-Merle, die 32 000 Jahre alten Tierbilder in der Grotte Chauvet und der berühmten Höhle von Lascaux mit der seltenen szenischen Darstellung prähistorischer Kunst. Auch die altsteinzeitliche Kunst auf gravierten Schieferplatten in Gönnersdorf fand Erwähnung.

Am Ende spannte Prof. Müller-Beck den Bogen zurück zur Zeit des späten Homo heidelbergensis und sprach den altsteinzeitlichen Siedlungsplatz des Homo erectus in Bilzigsleben an, der die Fähigkeit besaß Stein- und Knochenartefakte herzustellen: "Vom Homo heidelbergensis bis zu den steinzeitlichen Künstlern und Schnitzern gibt es für mich ein Kontinuum."

Anna Haasemann-Dunka, RNZ

 


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